Fallgeschichten


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Die Hauptzielsetzung jeder traumafokussierten Therapie ist die Abnahme der Belastungssymptome in den Bereichen Wiedererleben, Vermeidung, negative Veränderungen in Kognitionen und Stimmung sowie Übererregung. Daneben dient Traumatherapie der Prävention von Folgeproblemen und ermöglicht Kindern und Jugenlichen eine Rückkehr in einen normalen Entwicklungsverlauf. 

Hannes*, 11 Jahre

* Name und Details geändert

Als Hannes in die Therapie kommt, lebt er in einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe, weil seine Mutter von den unberechenbaren Wutausbrüchen des Jungen überfordert ist. Hannes wurde mehrere Jahre lang vom Stiefvater körperlich und emotional brutal misshandelt. Dieser hat die Familie inzwischen verlassen. In der Schule kann er sich schlecht konzentrieren und schreibt schlechte Noten, obwohl er ein intelligenter und aufgeweckter Junge ist. Wenn er alleine unterwegs ist, schießen ungewollt belastende Erinnerungen an die Gewaltszenen in seinen Kopf. Besonders kritisch ist, dass er bei der kleinsten Provokation anderen Kindern im Heim gegenüber körperlich aggressiv wird, was er im Nachhinein immer bereut. Die Heimleitung steht in Kontakt mit einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik, eine stationäre psychiatrische Behandlung und eine Medikation mit Neuroleptika sind angedacht.

Hannes wird mit 12 ambulanten Doppelstunden traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie (TF-KVT) behandelt. Seine Bezugsbetreuerin begleitet ihn und stellt eine Brücke in den Alltag her. Im Rahmen des Moduls „Wahrnehmung und Umgang mit Gefühlen“ stellt sich heraus, dass das Grundgefühl hinter den aggressiven Durchbrüchen nicht Wut, sondern Angst ist. Konfliktsituationen im Heim erinnern ihn an die Gewalterfahrungen durch seinen Stiefvater. Wenn er am Wochenende seine Mutter besucht, ist es besonders schlimm, weil die Wohnung selbst ein Trigger für die Traumaerinnerung ist. Hannes lernt erste Techniken, die ihm helfen, Streitsituationen zu verlassen und sich zu beruhigen. Zusammen mit der Betreuerin erarbeitet er Möglichkeiten, wie er sich sicher fühlen kann, ohne andere Kinder in Gefahr zu bringen.

Gänzlich überwinden kann Hannes seine Verhaltensprobleme erst, nachdem er – unterstützt durch den Therapeuten – seine Traumageschichte zu Papier bringt. Nach und nach gelingt es ihm besser, über seine traumatischen Erfragungen zu sprechen, seine Gefühle und Gedanken zu sortieren und hinderliche Gedanken wie z.B. „Ich habe es nicht besser verdient als geschlagen zu werden“ zu verändern. Gleichzeitig nehmen seine starken negativen Gefühle ab, und nach und nach verschwinden auch die quälenden, unkontrollierbaren Erinnerungen. Im Heim gibt es keine Esaklationen mehr. Hannes‘ Schulleistungen verbessern sich. Wenige Monate nach Therapieende kann die Rückkehr zu seiner Mutter und zu seinem kleinen Bruder vorbereitet werden.

Hannes ist kein Einzelfall. In mehr als 18 randomisierten Kontrollgruppenstudien konnte überzeugend nachgewiesen werden, dass eine ambulante Kurzzeitbehandlung mit TF-KVT auch den Kindern hilft, die über einen langen Zeitraum heftigsten traumatischen Ereignissen ausgesetzt waren.

Anna*, 19 Jahre

* Name und Details geändert

Anna berichtet von jahrelangen sexuellen Übergriffen durch ihren Onkel als Kind bis zum Alter von 14 Jahren. Sie durchlebt immer wieder Phasen starker Niedergeschlagenheit und großer Selbstzweifel. In diesen Zeiten macht sie sich Vorwürfe, dass sie sich damals nicht früher ihrer Mutter anvertraut hat und leidet besonders stark unter dem Gefühl, unverstanden und anders als alle Gleichaltrigen zu sein. Anna hatte noch nie einen Freund, das macht sie traurig und unzufrieden. Anderen Menschen zu vertrauen fällt ihr grundsätzlich schwer, männlichen Gleichaltrigen gegenüber offen zu sein, ist für sie unvorstellbar. Es stellt sich heraus, dass sie befürchtet verletzt zu werden, wenn sie sich auf jemanden einlässt. Am schlimmsten aber ist die Vorstellung, dass sie von Erinnerungen an den Missbrauch heimgesucht werden könnte, sobald sie emotionale und körperliche Nähe zu einem jungen Mann zulässt. Bereits die Vorstellung löst bei ihr heftige Magenschmerzen und Angstgefühle aus.

Im Verlauf von 15 Stunden ambulanter Cognitive Processing Therapy (CPT) gelingt es Anna, ihre traumatischen Erlebnisse mit der Therapeutin zu teilen. Auch geht es in der Therapie viel darum, Annahmen über den eigenen Selbstwert und die Balance zwischen Selbstschutz und Vertrauen zu thematisieren und in eine für sie günstige Richtung zu verändern.

Als Anna beschließt, einer langjährigen Freundin den Hintergrund ihrer Stimmungseinbrüche zu erzählen, ist sie überrascht, dass diese sehr einfühlsam und gar nicht abweisend reagiert. Auf der Grundlage dieser positiven Erfahrung finde sie den Mut, einem jungen Mann gegenüber ihre Zuneigung zum Ausdruck zu bringen, den sie nett und attraktiv findet. Sie stellt fest, dass sie den Missbrauch und die aktuelle Beziehungserfahrung sehr gut voneinander abgrenzen kann. Sie ist in der Lage, selbst zu steuern, wie weit sie gehen möchte und genießt die emotionale und körperliche Nähe.

Anna ist kein Einzelfall. Metaanalysen und Leitlinien belegen die gute Wirksamkeit der Cognitive Processing Therapy (CPT) bei Erwachsenen. Erste Studien zeigen, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene in der Altersgruppe von 14 bis 21 Jahren von dieser Therapieform sehr gut profitieren.

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