Folgen komplexer Traumatisierung


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Folgen komplexer Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen

Im Umfeld körperlicher und seelischer Gewalt aufzuwachsen, bringt neben dem Risiko einer PTBS noch weitere ungünstige Folgen mit sich. Betroffene Kinder und Jugendliche profitieren dennoch ebenfalls von einer traumafokussierten Behandlung. Flankierend sind andere psychotherapeutische und multiprofessionelle Maßnahmen sinnvoll.

Folgen langjähriger, multipler Traumatisierung

Wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, das von körperlicher und seelischer Gewalt geprägt ist, sind sie einerseits wiederkehrenden traumatischen Ereignissen ausgesetzt und können unter einer PTBS leiden. Darüber hinaus fehlen ihnen außerdem meistens förderliche Bedingungen, die Kinder brauchen, um sich gut entwickeln zu können.

Anders als andere Kinder haben sie nie gelernt, dass ihre Gedanken und Gefühle „in Ordnung“ sind und eine Berechtigung haben. Fehlende Feinfühligkeit bei den Eltern führt zu mangelndem Vertrauen und Wertlosigkeitsgefühlen bei den Kindern.

Wenn Kinder chronischem Stress ausgesetzt sind, haben sie später Schwierigkeiten, mit Spannungen und Frustration umzugehen. Unangenehme Gefühle und erste Handlungsimpulse auszuhalten, ohne ihnen nachzugeben, fällt ihnen schwer. Sie reagieren schnell und heftig auf emotionale Reize und brauchen lange, um sich hinterher wieder selbst zu beruhigen.

Wenn die frühen Bezugspersonen gleichzeitig Quelle von Verletzung waren, entwickeln Kinder oft ungünstige Bindungsmuster. Sie sind hin und her gerissen zwischen einem großen Wunsch nach Bindung und Versorgung und einer panischen Angst vor dem Verlassenwerden und der Nichterfüllung eigener Grundbedürfnisse. Auch in späteren Beziehungen, einschließlich TherapeutIn-PatientIn-Beziehungen, sind sie entweder sehr abweisend oder auf der Suche nach intensivem Kontakt, den weder sie selbst noch die neuen Interaktionspartner aushalten können. Häufig entspinnt sich hier eine Spirale aus Grenzentesten, Überforderung, Zurückweisung und emotionalen Ausbrüchen.

Aufgrund ungünstiger Rollenmodelle in der Vergangenheit haben viele Kinder und Jugendliche mit langjährigen traumatischen Erfahrungen Schwierigkeiten beim Eingehen und Pflegen von positiven Sozialkontakten. Sie haben nie ein adäquates Sozialverhalten gelernt und sind nicht gut darin, zwischenmenschliche Probleme zu lösen. Neutrales Verhalten anderer wird als eher feindselig interpretiert. Es fällt ihnen schwer, eigene Forderungen und Bedürfnisse zu formulieren und einzufordern, Grenzen zu setzen und Ärger deutlich auszudrücken, ohne dabei andere Personen zu verletzen.

Hinsichtlich ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit schließlich haben manche dieser Kinder eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, eine erhöhte Ablenkbarkeit und ein schlechteres Kurzzeitgedächtnis. Sie haben einen langfristigen Förderbedarf. Viele bleiben hinter der schulischen und beruflichen Perspektive zurück, die ihrem intellektuellen Potential entsprechen würden.

Psychotherapie nach langjähriger, multipler Traumatisierung

Evidenzbasierte Therapieverfahren wie die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) und die Cognitive Processing Therapy (CPT) helfen bei der Bewältigung von PTBS-Symptomen auch bei Kindern und Jugendlichen, die über viele Jahre hinweg in einem traumatisierendem Umfeld gelebt haben. Bei entsprechender Umgewichtung der Behandlungsbausteine lassen sich auch hier gute Erfolge erzielen, selbst wenn sich die Gestaltung der therapeutischen Beziehung häufig anspruchsvoller gestaltet als bei anderen PatienInnen.

Im Rahmen einer traumafokussierten Therapie ist es allerdings nicht immer möglich, die vielfältigen Probleme der Emotionsregulation und der Beziehungsgestaltung zu lösen sowie bestehende Entwicklungsrückstände aufzuholen. Diese Schwierigkeiten brauchen im Rahmen eines multidisziplinären Behandlungsplans mit verschiedenen Berufsgruppen und Hilfeformen gesondert Beachtung. Im Einzelfall muss entschieden werden, ob die Traumabehandlung als erstes erfolgen sollte, damit die weiteren Fragestellungen ohne die traumabezogene Belastung angegangen werden können. In anderen Fällen dagegen mag es günstiger sein, die Traumabehandlung gegenüber dem Erwerb grundlegender Kompetenzen der Emotionsregulation und Beziehungsgestaltung hinten anzustellen. Hier wäre zunächst zum Beispiel an einen Behandlungsansatz wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) zu denken. Trainings zum Umgang mit Aggression und zum Einüben sozialer Kompetenzen sind ergänzend ebenfalls von hohem Nutzen.

Zum Weiterlesen und Vertiefen

Fachartikel

Sachser, C., Keller, F., & Goldbeck, L. (2016). Complex PTSD as proposed for ICD‐11: validation of a new disorder in children and adolescents and their response to Trauma‐Focused Cognitive Behavioral Therapy. Journal of Child Psychology and Psychiatry. Link zum Volltext

Schmid, M., Petermann, F., & Fegert, J. M. (2013). Developmental trauma disorder: pros and cons of including formal criteria in the psychiatric diagnostic systems. BMC psychiatry, 13(1), 1. Link zum Volltext

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