Trauma und Traumafolgestörungen bei Kindern und Jugendlichen


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Trauma und Traumafolgestörungen bei Kindern und Jugendlichen

Traumatische Ereignisse beinhalten tatsächlichen oder drohenden Tod, ernsthafte Verletzung oder sexuelle Gewalt. Nach solchen Ereignissen können verschiedene Folgestörungen auftreten, darunter die PTBS. Eine PTBS ist gekennzeichnet durch traumatisches Wiedererleben, Vermeidung, negative Veränderung in Gedanken und Gefühlen sowie Symptome der Übererregung. Die kindliche Entwicklung kann beeinträchtigt sein. Betroffene Kinder und Jugendliche verfügen dennoch über zahlreiche Ressourcen.

Begriffsklärung: Was ist ein Trauma?

Die klinisch-psychologische Definition nach DSM-5 schränkt den Begriff „Trauma“ auf Ereignisse ein, die tatsächlichen oder drohenden Tod, ernsthafte Verletzung oder sexuelle Gewalt beinhalten. Als Trauma zählt das direkte Erleben solcher Ereignisse, aber auch das Beobachten bei anderen. Zu erfahren, dass einem nahen Familienmitglied oder einem engen Freund etwas Derartiges zugestoßen ist, kann ebenfalls traumatisierend sein. Beispiele für traumatische Ereignisse, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sein können, sind schwere Unfälle, Brände, medizinische Notfälle, Massenschadensereignisse, Krieg, Flucht, Misshandlung, häusliche Gewalt oder sexueller Missbrauch. Die Scheidung der Eltern oder der (absehbare) Tod eines Familienangehörigen andererseits stellen für sich genommen keine traumatischen Ereignisse nach dieser Definition dar, es sei denn, sie geschehen unter Umständen, die den oben genannten Merkmalen entsprechen.

Folgen von traumatischen Ereignissen

Traumatische Ereignisse sind nicht selten. Aktuellen Studien zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, in jungem Alter ein traumatisches Ereignis zu erleben, auch in den westlichen Ländern über 50%. Allerdings entwickelt nicht jeder Betroffene nach einem traumatischen Ereignis eine psychische Störung. Eine beeindruckende Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen erholt sich ohne therapeutische Hilfe innerhalb von kurzer Zeit nach einem traumatischen Ereignis. Dennoch steigt mit jedem Ereignis das Risiko, eine Folgestörung zu entwickeln, darunter Depressionen, Angststörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Wenn das Trauma den Verlust einer geliebten Person beinhaltet, kommt es zu einer Trauerreaktion, die manchmal das Ausmaß einer anhaltenden Trauerstörung annehmen kann. Sexuelle Gewalt zieht besonders häufig Folgestörungen nach sich. Ein spezielles Störungsbild, das nach einem oder mehreren traumatischen Ereignissen auftreten kann, ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Mit Prävalenzzahlen von 2-12% tritt sie bei Kindern und Jugendlichen nicht seltener auf als die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS).

Kernsymptome der Posttraumatischen Belastungsstörung

Kinder und Jugendliche mit PTBS leiden unter belastenden, sich aufdrängenden Erinnerungen an das Geschehene. Werden sie durch Reize (z.B. die Sirene eines Rettungswagens) an das traumatische Ereignis erinnert, reagieren sie mit starker Angst und körperlichen Veränderungen wie Herzklopfen oder Zittern. Häufig kommen Albträume vor. Kleinere Kinder spielen das Ereignis immer wieder lustlos nach. Die Betroffenen versuchen mit ganzer Kraft, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle in Zusammenhang mit dem Ereignis zu vermeiden. Sie gehen Personen, Orten, Gesprächen, Aktivitäten und Situationen aus dem Weg, die sie an die Ereignisse erinnern. Manchmal werden Teile der Ereignisse nicht erinnert. Kinder und Jugendliche mit PTBS entwickeln anhaltende und übertriebene negative Überzeugungen oder Erwartungen, die sich auf die eigene Person, andere Personen oder die Welt beziehen. Beispiele hierfür sind „Ich bin nirgends sicher“, „Man kann niemandem vertrauen“ oder „Weil mit das passiert ist, bin ich wertlos“. Häufig geben sich Kinder und Jugendliche selbst die Schuld für die Ereignisse. Sie sind geplagt von Furcht, Wut, Schuld oder Scham. Viele haben keine Freude mehr an Dingen, die sie früher gerne gemacht haben, ziehen sich zurück oder fühlen sich anderen Menschen nicht mehr nahe. Sie haben Schwierigkeiten, angenehme Gefühle wie Glück, Zufriedenheit oder Zuneigung zu empfinden. Jungen und Mädchen, die unter einer PTBS leiden, haben ein dauerhaft gesteigertes Erregungsniveau. Einige werden nach dem Trauma leicht reizbar und bekommen Wutausbrüche bei kleinsten Anlässen. Einige verhalten sich risikoreich oder verletzen sich selbst. Manche sind übermäßig wachsam oder schreckhaft. Viele traumatisierte Kinder und Jugendliche haben Konzentrationsschwierigkeiten, was sich in einer Verschlechterung der Schulleistungen niederschlägt. Schwierigkeiten einzuschlafen, durchzuschlafen oder ein unruhiger Schlaf sind nicht selten. Manche Betroffene fühlen sich zeitweise wie in einem Traum oder nehmen die Umwelt als unwirklich wahr.

Die offensichtlichen Überlappungen zu den Symptomen anderer Störungen machen eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung nötig, damit eine passende Behandlung gefunden werden kann. So ähneln einige Symptome der PTBS denen einer depressiven Erkrankung. Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme lassen an eine ADHS denken, Wutausbrüche an eine Störung des Sozialverhaltens, Selbstverletzungen an eine Borderline-Symptomatik.

PTBS als Entwicklungsrisiko

Unabhängig von den störungswertigen Folgen, können aus Sicht der Entwicklungspsychopathologie unbehandelte Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung eine altersgerechte Entwicklung behindern. Spielen Kinder beispielsweise nur noch das traumatische Ereignis nach, ist die Flexibilität des Spiels zu anderen Entwicklungszwecken eingeschränkt. Die für alle Jugendlichen anspruchsvolle Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit in der Eltern-Kind-Beziehung ist noch schwerer zu halten, wenn Jugendliche sich Sorgen machen, dass ihren Eltern ein Unglück zustoßen könnte. Das Eingehen von positiven Beziehungen zu Gleichaltrigen wird erschwert, wenn sich Jungen und Mädchen zurückziehen und isolieren oder wenn sie aufgrund von Schwierigkeiten, eigene Impulse zu kontrollieren, Ablehnung durch andere erfahren. Ohne eine angemessene Behandlung geht eine posttraumatische Belastungsstörung häufig mit weiteren psychischen Störungen einher. Substanzmissbrauch, Aggressivität und Gewalt, das Risiko selbst Täter zu werden, eine erhöhte Suizidalität und körperlichen Beschwerden und Erkrankungen können weitere Begleiterscheinungen sein. Insofern ist jede traumafokussiete Behandlung gleichzeitig auch als Prävention von Entwicklungsproblemen und weiteren psychischen und körperlichen Beschwerden zu verstehen. Je früher die traumabezogenen Probleme überwunden werden, desto eher ist ein Weg zurück in eine altersgemäße Entwicklung möglich.

Ressourcen traumatisierter Kinder und Jugendlicher

Bei der Arbeit mit traumabelasteten Kindern und Jugendlichen darf man nie aus dem Blick verlieren, dass sie zum Teil sehr schlimme Situationen überstanden haben, ohne an ihnen zu zerbrechen. Sie haben sich oftmals eine beeindruckende Lebensfreude und einen ausgeprägten Willen auf Veränderung bewahrt. Sie wollen frei von den Belastungssymptomen werden, damit sie sich wieder den Dingen zuwenden können, die für ihre Altersgruppe typisch sind. Obwohl die traumatischen Erfahrungen sie in einigen Lebensbereichen stark beeinträchtigen, stecken sie voller Kompetenzen, die sie für sich nutzen können, oder haben Zugriff auf Hilfe aus dem Umfeld. Aufgabe der professionellen HelferInnen ist es, diese Kompetenzen zu finden und darauf aufzubauen, ganz egal ob es sich um besondere Eigenarten handelt (z.B. Hartnäckigkeit, Humor, Einfühlsamkeit), um ein Hobby (Fußball) oder ein Talent (Malen, Musizieren), um Ausnahmen vom Problemverhalten (eine durchgeschlafene Nacht), um wichtige Orte (am See), Gegenstände (Glücksstein) oder Personen (Oma).

Zum Weiterlesen und Vertiefen

Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie

Steil, R. & Rosner, R. (2009). Leitfaden Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe. Online ansehen

 

Ratgeber

Rosner, R. & Steil, R. (2009). Ratgeber Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe. Online ansehen

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