Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT)


Wissen & Werkzeuge

Traumafokussierte kognitive
Verhaltenstherapie (TF-KVT)

Die TF-KVT ist ein ambulantes Therapieprogramm bei PTBS für Kinder und Jugendliche von 3-18 Jahren. Es umfasst verschiedene Elemente wie Psychoedukation, Emotionsregulation, Traumabericht, Arbeit mit schmerzlichen und ungünstigen Gedanken, Angstbewältigung und Förderung künftiger Sicherheit und Entwicklung. Die Eltern werden eng mit einbezogen. Aufgrund der guten Wirksamkeitsbelege empfehlen es die Leitlinien als Therapie erster Wahl. 

Übersicht

Die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) nach Cohen, Mannarino und Deblinger (2006) ist ein ambulantes Behandlungsprogramm mit 12-15 wöchentlichen Doppelsitzungen in 4-5 Monaten. Die Therapie kann für Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund wirksam eingesetzt werden, die eines oder mehrere traumatische Ereignisse erlebt haben und infolgedessen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden.

Bausteine der Therapie

Das Behandlungsprogramm ist modular aufgebaut. Je nach Alter und Entwicklungsstand des Kindes und je nach Symptomatik werden die Elemente angemessen in die Praxis umgesetzt.

Psychoedukation

Auf altersgerechte Weise werden den PatientInnen ihre Symptome erklärt. Sie lernen, warum die Probleme nicht von alleine weggehen und wie die Therapie wirken soll. Dadurch erfahren sie, dass ihre Beschwerden normale Reaktionen auf überfordernde Ereignisse sind, und schöpfen Hoffnung, dass eine Therapie bei der Bewältigung helfen kann.

Emotionsregulation

Die Kinder und Jugendlichen lernen Strategien zum Erkennen, Benennen und Regulieren von Anspannung und starken Gefühlen kennen. Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung (PMR) nach Jacobson können helfen, die Grundanspannung zu senken. Kleinere Kinder lernen zum Beispiel, was sie tun können, wenn sie sich traurig fühlen (Kuscheltier, jemandem sagen, dass man traurig ist, Musik hören, lustige Comics anschauen). Jugendliche lernen zum Beispiel, gegen starke Wut und Anspannung einen Igelball oder Eiswürfel einzusetzen, anstatt sich selbst zu verletzten. Ziel ist ein vorläufiger verbesserter Umgang mit Stress und überflutenden Gefühlen im Alltag. Vor allem aber soll eine Werkzeugkiste gepackt werden, auf die in der Zeit der traumafokussierten Arbeit zurückgegriffen werden kann, wenn die Anspannung steigt.

Traumabericht

Die Kinder und Jugendlichen erzählen, schreiben auf oder zeichnen, was ihnen widerfahren ist. Der Traumabericht umfasst neben den Ereignissen auch zentrale Gedanken und Gefühle während des Traumas. Dadurch können Erinnerungen, Gedanken und Gefühle sortiert werden. Durch mehrfaches Vorlesen machen die PatientInnen die Erfahrung, dass die Gefühlsflut bei Erinnerung stetig abnimmt und ausgehalten werden kann. So gewinnen sie langfristig Kontrolle über die eigenen Erinnerungen und sind diesen nicht länger ausgeliefert. Im Traumabericht entdeckt man häufig schmerzvolle und wenig hilfreiche Gedanken und Überzeugungen über sich, andere und die Welt, die im nächsten Schritt bearbeitet werden können.

Arbeit mit schmerzlichen und ungünstigen Gedanken

Mithilfe von Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie werden im Gespräch (sokratischer Dialog) und mit Arbeitsblättern Denkverzerrungen ermittelt. Hinderliche Gedanken werden hinterfragt, angemessene, hilfreiche Gedanken erarbeitet. So könnte nach mehrstündiger Arbeit aus dem Gedanken „Ich kann überhaupt niemandem vertrauen“ eine differenziertere Sicht werden, in der Art: „Ich kann unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Bereichen in unterschiedlichem Maß vertrauen. Wenn ich jemanden gut kenne, darf ich auch eine vertrauensvolle Beziehung wagen. Wenn ich jemanden neu kennenlerne, sollte ich mir erst einmal Zeit lassen, seine Vertrauenswürdigkeit auf die Probe zu stellen. Ich darf jederzeit Nein sagen oder meine Freundin im Rat fragen, wenn ich mir nicht sicher bin.“

Angstbewältigung

Manche Kinder und Jugendliche meiden alltägliche Situationen, die mit dem Trauma zusammenhängen, oder bewältigen sie nur mit großer Angst. So kommt es etwa vor, dass nach einem Verkehrsunfall Autofahren, Busfahren und sogar Radfahren unmöglich geworden ist. Andere traumabelastete Kinder wollen nicht mehr im eigenen Bett schlafen oder trauen sich nicht mehr, in die Schule zu gehen. Hier geht es in der Therapie darum, das Aufsuchen von an sich ungefährlichen, jedoch angstbesetzten Situationen nach und nach wieder einzuüben. Ziel ist es, dass irrationale Ängste abnehmen, die Bewegungsfreiheit wiedererlangt und altersgemäße Verhaltensweisen zurückgewonnen werden.

Fördern künftiger Sicherheit

Gegen Ende der Therapie werden Strategien zur selbstverantwortlichen Lebensgestaltung erarbeitet. Wichtig ist es, einer erneuten Traumatisierung vorzubeugen, da viele Kinder und Jugendliche mit PTBS störungsbedingt dazu neigen, sich wieder in Gefahr zu bringen oder beispielsweise an Partner zu geraten, die sie wieder misshandeln. Kinder und Jugendliche üben, gefährliche Situationen zu erkennen und lernen, wie sie sich bei Bedrohungen verhalten können. Bei Bedarf wird an eine unterbrochene Schullaufbahn angeknüpft und die PatientInnen erhalten Unterstützung bei altersspezifischen Entwicklungsaufgaben wie der Ablösung von den Eltern.

Einbezug von Eltern und Bezugspersonen

Studien zufolge wirkt es sich ungünstig auf den Genesungsprozess der Kinder aus, wenn Eltern ihnen keinen Glauben schenken, ihre Belastung herunterspielen oder übertreiben oder wenn sie ihnen gar die Schuld für die Ereignisse geben. Nachvollziehbare, aber ungünstige und nicht immer richtige Überzeugungen (z.B. „Mein Kind ist für immer beschädigt“, „Ich muss ständig auf mein Kind aufpassen, damit nicht wieder etwas Schlimmes passiert“) behindern den Fortschritt in der Therapie. Deshalb werden die Eltern in die Therapie der Kinder einbezogen, umso engmaschiger, je kleiner die Kinder sind. So können sie lernen, eine Verknüpfung zwischen der Traumatisierung und den Problemen des Kindes herzustellen und sie bei der Bewältigung unterstützen. Eltern traumabelasteter Kinder leiden oft selbst unter einer Traumafolgestörung oder einer anderen psychischen Störung. In diesem Fall ist zusätzlich eine eigene Psychotherapie ratsam.

Belege für die Wirksamkeit

Die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) ist das weltweit am besten untersuchte und positiv evaluierte Therapiemanual zur Behandlung der PTBS bei Kindern und Jugendlichen. Die Effektstärken hinsichtlich der Reduktion von PTBS-Symptomen und komorbiden depressiven Symptomen sind hoch. Zu diesem Ergebnis gelangen aktuelle Metaanalysen und Reviews, die die einzelnen Studien gesichtet und zusammengefasst haben. Weil das Manual für Kinder und Jugendliche verschiedener Altersgruppen, unterschiedlicher Herkunftsländer und mit verschiedenen Arten von traumatischen Ereignissen eingesetzt werden kann, wird es von den Leitlinien als einzige Therapieform erster Wahl empfohlen. Für die Behandlung junger Flüchtlinge liege erste vielversprechende Ergebnisse vor.

Zum Weiterlesen und Vertiefen

Therapiemanual

Cohen, J. A., Mannarino, A. P. & Deblinger, E. (2009). Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen. Heidelberg: Springer. Online ansehen

 

Online-Lernkurs für TherapeutInnen

Traumafokussierte Module (deutsch): http://tfkvt.ku.de
Trauerfokussierte Module (englisch): http://ctg.musc.edu

 

Deutschsprachiger Übersichtsartikel

Sachser, C., Rassenhofer, M., & Goldbeck, L. (2016). Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen–Klinisches Vorgehen, Evidenzbasis und weitere Perspektiven. Zeitschrift für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Link zum Volltext

 

Wirksamkeitsbelege / Meta-Analysen / Reviews

Goldbeck, L., Muche, R., Sachser, C., Tutus, D., & Rosner, R. (2016). Effectiveness of Trauma-Focused Cognitive Behavioral Therapy for Children and Adolescents: A Randomized Controlled Trial in Eight German Mental Health Clinics. Psychotherapy and psychosomatics, 85(3), 159-170. Link zum Volltext

Gutermann, J., Schreiber, F., Matulis, S., Schwartzkopff, L., Deppe, J., & Steil, R. (2016). Psychological Treatments for Symptoms of Posttraumatic Stress Disorder in Children, Adolescents, and Young Adults: A Meta-Analysis. Clinical child and family psychology review, 19(2), 77-93. Link zum Volltext

Gutermann, J., Schwarzkopf, L. & Steil, R. (2017). Meta-analysis of the long-term treatment effects of psychological interventions in youth with PTSD symptoms. Clinical Child and Family Psychology Review, 20(4), 422–434. Link zum Volltext

Morina, N., Koerssen. R. & Pollet, T. V (2016). Interventions for children and adolescents with posttraumatic stress disorder: A meta-analysis of comparative outcome studies. Clinical Psychology Review 47, 41–54. Link zum Volltext

Smith, P., Perrin, S., Dalgleish, T., Meiser-Stedman, R., Clark, D. M. & Yule, W. (2013). Treatment of posttraumatic stress disorder in children and adolescents. Current Opinion in Psychiatry, 26, 66-72. Link zum Volltext

Leenarts, L. E., Diehle, J., Doroleijers, T. A., Jansma, E. P., & Lindauer, R. J. (2013). Evidence-based treatments for children with trauma-related psychopathology as a result of childhood maltreatment: a systematic review. European Child and Adolescent Psychiatry, 22, 269-283. Link zum Volltext

 

Leitlinien

Britische PTSD-Guideline des National Institute for Clinical Excellence (NICE): 
Aktuellste Fassung (2005) als PDF downloaden
Update (2013) als PDF downloaden

Australische PTSD-Guideline des Phoenix Australia – Centre for Posttraumatic Mental Health:
Langfassung (2013) als PDF downloaden (200 Seiten)
Kurzfassung (2013) als PDF downloaden (56 Seiten)
Praktiker-Leitlinien als PDF downloaden (10 Seiten)

Treatment-Guidelines der  International Society for Traumatic Stress Studies (ISTSS):
Leitline KVT für Kinder und Jugendliche (2005) als PDF downloaden 

 

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